…Ein weiterer Tag. Voller Angst, voller Sorgen. Verzweiflung. Keine Hilfe.
Sie hat bei einem 27 jährigen Satanisten, den sie im LKH Tulln kennengelernt hat, übernachtet.(Vor Weihnachten. 6 Tage lang in der Raucherecke Gespräche. Keine medizinische Therapie oder Diagnostik in der Zeit. Null. Jeden Tag von der Früh bis 22.00 im Rauchereck draußen. Ist erlaubt vom Krankenhaus. Sie muss nur alle paar Stunden raufkommen, sich kurz melden. Am Entlassungszettel steht dann “multimodale Therapie”. Sie war vorher Nichtraucher, nach den Krankenhausaufenthalt konsumiert sie reichlich Zigaretten, vapes, pouches, alles mit 20 MG Nikotin. Sie hat jetzt neue „Freunde“. Einen suizidalen Obdachlosen jenseits der 50 mit Erscheinungsbild Waldschrat. Eine euphorische Schizophrene mit 2 Kindern. Die verschafft ihr bald Kontakt zu einem Musikproduzenten, den sie kennt, damit ihre Karriere als Songschreiberin starten kann. Einen depressiven, suizidalen, arbeitslosen Satanisten. Alle sind sehr nett und geben ihr Tipps und Nikotin. In jeder Form. Dauernd. Wer weiß, was noch. Alle waren sehr nett zu ihr. Außer die überarbeitete Ärztin angeblich).
Seither nix von ihm gehört, nur ein Telefonat am Freitag. Sie haben jetzt aber eine Beziehung. Am Sonntag Abend dann lang erwartete Reha geschmissen, nach 2 Wochen. Option an mich um 21.00: Abholung sofort oder Psychiatrie Mödling. Also Abholung in der Nacht. 1.5 Stunden hin, Gespräch mit Arzt, 1.5 h zurück, samt Kind und Gepäck. Am Montag Abend dann schon unterwegs zu “ihm”, ermöglicht durch einen Zug -Ticketkauf von einer Transfreundin, die ihren eigenen Arm verspeisen möchte. Und und um Mitternacht die Polizei und Haus schickt, weil sie meine Tochter telefonisch nicht mehr erreicht. Die kommt auch sofort, klettert mit Taschenlampe über den Gartenzaun und läutet gleichzeitig Sturm, und weckt das zweite Kind auf, dass nächsten Tag Schularbeit hat. Weckt auch schon schlafende Tochter auf, die sich nicht auskennt. Überzeugt sich, dass es ihr gut geht und wir sie nicht umgebracht haben. Sehr engagierte Beamten. Nach 10 min ist der Spuk vorbei, wir dürfen schlafen gehen. Das Magengeschwür wächst, das Schlafmanko packt sich weitere Stunden drauf. Die engagierte Freundin auch kennengelernt im LKH Tulln. Ein Ort mit vielen Möglichkeiten.
Sie weiß nicht viel vom Satanisten, nicht mal seinen Nachnamen oder seine Adresse. Hobbies, Ausbildung, Familie,Eigenschaften, Fehlanzeige. Nur, dass er depressiv und suizidal ist, im LKH therapiert wurde, arbeitslos ist und Satan huldigt, und in der Wohnung eines Freundes wohnt. Altenpfleger will er werden. Die sind ja gesucht. Sie will zu ihm. Jetzt. Er sagt okay. Sie fährt los mit dem gesponserten Zugticket.
Alle Gespräche, Bitten, unsere Ängste, alles egal. Vernunft? Überbewertet. Arbeiten, Ausbildung – ja, eh. Jetzt nicht. Die geplante Aufnahme in eine therapeutische WG, ist erneut verschoben worden vom Sozialträger, von Ende Jänner auf Ende Februar, auf Mitte März, auf Ende März, auf Anfang April, auf Mitte April aktuell. Mit der schwindenden Hoffnung, dass sie sich dort stabilisiert, dass ihr dort geholfen werden kann. Weitere unzählige Tage und Nächte voller Angst, was ihr passiert, ob sie wieder vergewaltigt wurde, wen sie kennen lernt, was sie kennen lernt, was sie vielleicht konsumiert, wo sie wann wieder einen Krampfanfall bekommt, wann wir sie wo wieder abholen dürfen, ob sie überlebt. Dazu die Abwatschung im jeweiligen LKH “ wir dürfen Ihnen “leider” keine Auskunft erteilen…sie ist volljährig”, “wir dürfen Ihnen nicht sagen, ob sie noch da ist” – die Genugtuung, die dabei manchmal in der Stimme mitschwingt – nicht immer, aber doch. Vollkommen egal, dass es unser Kind ist, das wir vor 18 Jahren aufgenommen haben, die Versorgung und Erziehung dem Staat Österreich abgenommen haben, das wir mit Liebe und Fürsorge überschüttet haben und immer für es da waren, in jeder noch so bizarren Situation. Keine Auskunft, mit 18 verliert man sein Kind und jedes Recht auf Information, trotzdem “darf” man sich um es kümmern, es aus wahnsinnigen Situationen abholen, die Scherben aufsammeln, es weiter versorgen, alle Kosten übernehmen….. In ihrem Umfeld nur mehr zutiefst kranke, verwirrte oder auch mutwillig perverse Menschen. Mitten drinnen sie, auf der verzweifelten Suche nach Freunden, Beziehung. Die leiblichen Eltern kein Interesse, selbst krank und mit Süchten beschäftigt. Alle langjährigen beste Freunde aus der Kindheit haben sich abgewandt, zurück gezogen. Verstoßen aus dem Schulsystem oder jeder Form der Ausbildung. Fallen gelassen wie eine heiße Kartoffel. Als junger Mensch komplett isoliert von der Gesellschaft, auf der verzweifelten Suche nach einer Peergroup, fündig nur unter psychisch schwer kranken oder asozialen Menschen, die teilweise gezielt das Sozialsystem schröpfen, als geistig eingeschränkt abgestempelt, untauglich für die Arbeitswelt aber perfekt informiert über ihre Rechte und Ansprüche zur Unterstützung ihres Lebensstils durch den österreichischen Steuerzahler. Oder selbst hilflos herumtaumelnd auf der Suche nach Unterstützung und Hilfe. In einem der reichsten Länder der Welt.
Ein endloser Kampf, Tag für Tag der Versuch, sie davon abzuhalten, sich auch so zu entwickeln. Unzählige Therapien, Freizeitangebote, Aktivitäten, Unterstützungen, Gespräche, seit vielen Jahren, immer wieder. Bedingungslose Liebe, immer . Alles umsonst. Kein Durchkommen. So viel Liebe und Fürsorge, Bemühungen. Jahrelange schlaflose Nächte, sorgenzerfressene Tage. Suchanzeigen bei Polizei, Gerichtstermine, Arzttermine, Therapeutentermine, Telefonate, Kämpfe um Termine bei Institutionen, die ihr helfen sollen. Fehlanzeige. Niemand ist zuständig. Betteln bei der Polizei, dass sie die Vermisstenanzeige doch bitte !!! aufnimmt, denn sie ist suizidal, hat in den letzten 3 Wochen dreimal überdosiert. Hämisches Lachen. “Was woins denn schon wieder, sie rufen eh dauernd an. Die kommt schon wieda“. Im Krankenhaus kein Therapieangebot, kein Aufenthalt, Gleichgültigkeit oder Resignation? “wir können Ihrer Tochter leider nichts anbieten”, „uns sind die Hände gebunden“. Seit dreieinhalb Jahren das endlose Spiel fast Tag für Tag: Anfall, Rettung, Akutaufnahme, Entlassung, Anfall, Rettung, Akutaufnahme, Entlassung, Anfall, Rettung,…gewürzt mit Medikamenten, die das Lehrkrankenhaus je nach diensthabendem Arzt gerade hergibt, ihre sehr lange dort aufliegende Krankenakte mit Diagnosen großteils völlig ignorierend.
Ständiges Herumhanteln, das zweite Kind nicht vernachlässigen, es ihm erklären versuchen, es ausgleichen versuchen, es die Verzweiflung nicht merken lassen – funktioniert leider eh nicht. Auch die alte kranke Mutter immer wieder versorgen, Arzttermine checken, hinbringen, abholen, besuchen, sie nicht merken lassen, wie schrecklich alles ist. Die Ehe irgendwie vor dem Zusammenbruch bewahren versuchen, versuchen die vielen Streits und Diskussionen wegen ihr zu überleben und trotzdem noch irgendwie in Beziehung zu bleiben. Den Job versuchen zu erhalten, alle Kunden zufrieden zu stellen, die Mitarbeiter loben und belohnen, auch wenn sie drei Wochen in Krankenstand wegen einer Lappalie, wegen gut und gewissenhaft arbeiten. Funktionieren, weil ohne Job auch kein Geld für all die Therapien und Stützungsangebote, alles, was sie braucht oder sich wünscht, damit sie sich vielleicht stabilisiert und findet.
Um drei in der Nacht sie vom Krankenhaus in Wien abholen, wo die Rettung sie diesmal abgeladen hat, sich vom diensthabenden Arzt anschreien lassen, dass man die Obsorge hat und eine ¾ Stunde Anfahrt zu lange ist, und gefälligst jetzt SOFORT kommen soll, ungeachtet der Distanz. Am nächsten Tag dann um 23 Uhr von der Zugstation abholen. Nächster Tag um 24.00 Uhr im LKH St. Pölten entlassen unter Einwirkung von starkem Beruhigungsmittel, in jener Nacht dann auf der Straße so schwer vergewaltigt, dass Spirale kaputt wird. Keine Info vom Krankenhaus, lieber Schweigen, sonst könnte ja ein Fehlverhalten festgestellt werden. (Aber wieder HIV-Vorsorge, zum dritten Mal in einem Jahr. Und Pille danach. Und Untersuchung auf sexuell übertragbare Krankheiten. Glück gehabt, nur vaginale Bakteriose diesmal). Dass man jemand, den man schwer sediert hat, besser nicht um Mitternacht entlassen sollte, damit er dann hilflos durch die Stadt wankt und Opfer wird, denkt man als Laie. Interessiert aber niemanden.
Gyntermine wegen Vergewaltigung, Blutabnahme dort, Zahnarzt hier, Augenarzt dort, EKG alle 3 Monate, Psychiater, Schilddrüsenkontrolle da, HIV Kontrolle da, Psychotherapie dort, Traumatherapie wo nur?, AKH Ambulanz dort, Psychiatrieambulanz dann, Psychoziales Zentrum dort, AMS hier, Piercing dann ( was tut man nicht alles…), Kontrollen, Kontrollen, Kontrollen, zwischen Kochen, HPE für uns, leider kann man uns nicht helfen, alles wird gekürzt, “Sie müssen schauen, dass es Ihnen gut geht”, Haushalt, Arbeit, Schule, Mutter, Taxi Service. Immer die Angst vor dem nächsten Anruf, was wieder passiert ist, wo sie ist, wie sie heimkommt, oder wann, wo sie abzuholen ist. Wer sie wieder beeinflusst. Machtlos, weil sie ist ja jetzt 18. Erwachsen. Selbstständig.
Und nichts wirkt, hilft. Kein Bemühen greift. Keine Tablette, kein Therapieangebot. Keine Alternativtherapie. Alles umsonst. Keine Einsicht, keine Gnade, keine Wille zur Änderung, kein Erbarmen. Keine Hilfe oder Unterstützung vom Staat. Nur gesetzliche Hürden, die es noch schwieriger machen, als es schon ist. Keine Aussicht auf Besserung. Kein Hoffnungsschimmer am Horizont, nicht einmal ein Hauch einer Dämmerung zu sehen.
Weitermachen, ein neuer Tag hat begonnen. Sie lebt, die erste Nacht beim Satanisten ist überstanden.
Hinterlasse einen Kommentar